Digitales Commitment

Digitales Commitment | Im Home Office für die Arbeit "brennen"?

Die Zeiten sind nicht einfach. Sie waren es wohl nie. Doch seit der Corona-Pandemie hat sich vieles geändert. Deutschland digitalisiert noch schneller. Die Art zu Arbeiten hat sich binnen Monaten verändert und beschleunigt. Die neuen Schlagwörter heißen „Home Office“, „Online-Meetings“ und „Voice over IP“. Der neue Arbeitskollege ist jetzt der eigene Schreibtisch und der (firmen-)eigene Laptop. Social Distancing heißt im Alltag übersetzt nun so viel wie: In weiter Ferne so nah!

 

Natürlich trifft diese neue Form des digitalen Arbeitens in den eigenen vier Wänden nicht jede und jeden. Brötchen lassen sich nun mal nicht am Tablet backen, und Obst und Gemüse nicht am Bildschirm pflücken. Und die Vereinbarkeit von Job, Familie und Freizeit am selben Ort stellen für nicht wenige Arbeitnehmer eine echte Herausforderung dar. Doch die „neue Freiheit“, alleine und ohne Kollegen und ohne direkter Kontrolle durch einen Vorgesetzten, hat Vor- und Nachteile.

 

Manch einer genießt vielleicht dieses Ungebunden-sein und entfaltet nun erst recht mehr Kreativität und Lust an seinem Job. Die oft bedrückende Stimmung am Arbeitsplatz, der Stress oder der unfreundliche Kollege - vorerst Vergangenheit. Man sieht sich noch, aber nicht mehr direkt, sondern in einem Online-Meeting, also auf Distanz. Andere vermissen genau das: den direkten Austausch mit ihren Kollegen, die Begegnungen mit anderen Menschen als nur der nun 24-stündige Umgang mit der eigenen Familienbande.  Auch das kann Stress und Unlust erzeugen, und sich auf die Qualität der Arbeit auswirken.

 

Man kann also in beide Richtungen „verbrennen“: am Arbeitsplatz wie im digitalen Home-Office. Zumal im Letzteren die Grenzen zwischen klar abgegrenzten Arbeits- und Ruhezeiten deutlicher verschwimmen, der Arbeitsrhythmus neu definiert und ausgehandelt werden muss. Statt durchgehenden Arbeitsblöcken, wie am gewohnten Arbeitsplatz, entstehen im Home-Office temporäre Arbeitsinseln, die von häuslicher Arbeit und Verpflichtung (Betreuung der Kinder, Homeschooling) umspült und regelmäßig unterbrochen werden. Diese Zerstückelung kann sich auf die Arbeitsmotivation sowie die Qualität der zu verrichtenden Aufgaben auswirken.

 

Ein neues „Social Framing“ wird daher von einer digitalisierten Gesellschaft zu leisten sein, die gewohnte Arbeitsprozesse und Abläufe von der analogen in die rein digitale Welt erfolgreich und nachvollziehbar transferiert. Diese Übersetzung von einem in ein anderes Arbeitsumfeld verlangt von beiden Seiten, dem Arbeitgeber und dem Arbeitnehmer, klare Voraussetzungen, Strukturen und Absprachen, damit "digitales Commitment" im Home-Office gewährleistet werden kann. Was heißt das konkret? Und wie vor allem wird es umgesetzt und gelebt?

 

In aller Kürze und in Stichworten skizziert sähe ein „Social Framing“ für die digitale Arbeitswelt, das Home-Office so aus:

 

1. Voraussetzungen

  • # Die technische Infrastruktur bzw. Ausstattung muss stimmen. Hat der Angestellte einen soliden, also schnellen Internetanschluss. Besteht ein Wlan mit WPA/WPA2-Verschlüsselung sowie ein Virtual Private Network (VPN)? Gibt es einen großen Bildschirm (am besten zwei), sowie eine gute Webcam und ein gescheites Headset für Online-Meetings.
  • # Ist geeignete Software auf dem Laptop/PC aufgespielt? Gibt es erprobte Online-Tools für die digitale Kommunikation (z.B. Zoom, Skype, Jami, FCC)? Ist ein sicherer Kanal für den Abruf von Firmenmails auf dem heimischen Computer eingerichtet (Mail Exchange Server)?
  • # Gibt es Online-Tools für Projektmanagement (z.B. Asana, Trello, Bitrix 24, OpenProject)? Beherrscht man die Tools?

2. Strukturen

  • # Damit verbunden ist eine Erfolgskontrolle über das im Home-Office Geleistete. Aus gewissem Gründen unterstellt man unbewusst, dass Mitarbeiter zuhause weniger arbeiten würden und weniger effizient seien. Dabei hat die Forschung das Gegenteil bewiesen!
  • # Klare Strukturen erzeugen klare Ergebnisse. Zu einer Struktur gehören auch die Bereitschaft des Unternehmens, den Mitarbeitenden hinsichtlich technischen Voraussetzungen für ein erfolgreiches Home-Office zu unterstützen und zu motivieren (z.B. Webinare anbieten, die diese Skills fördern).
  • # Nicht unbedingt mehr Produktivität ist gefordert! Ein großer Irrtum in der öffentlichen Debatte um Digitalisierung ist nämlich der, dass diese den Mitarbeiter noch schneller, besser und effektiver macht. Ein Mensch ist keine Maschine, er bedient und nutzt diese nur geschickter, als diese sich selbst! Die Effizienz liegt also allein in der klugen Nutzung der Tools und dem Wissen um entsprechende Software!

3. Absprachen

  • # Eine klare Absprache hinsichtlich Aufgaben, Zielen und Ergebnissen setzt eine ebenso klare Kommunikation darüber voraus, was man (unausgesprochen oder selbstverständlich) im Home-Office von seinem Mitarbeiter erwartet. Das Ziel kann nicht ein Mehr im eben beschriebenen Sinne sein. Daher sollte der/die Vorgesetzte mit dem Mitarbeiter einmal in der Woche ein „digitales Jour fix“ vereinbaren, und nur dann per Mail-Anweisungen, wenn es wirklich nicht anders geht! Wir sind und bleiben als Menschen soziale Wesen!
  • # Die Dynamik des digitalen Arbeitens, keine klare Grenze von Arbeitsphasen und Ruhezeiten wie am Arbeitsplatz, setzt eine gewisse Disziplin und Eigenverantwortung beim Mitarbeiter voraus. Er oder sie muss eine Absprache mit sich vereinbaren (Selbstcommittment), mit dem Vorgesetzten und den Erfordernissen der jeweiligen Lage vor Ort.
  • # Ein Letztes: Der psychologische Faktor! Das Belohnungssystem ist in der analogen Sphäre sichtbarer als im digitalen Umfeld. Die Anerkennung und Akzeptanz des Geleisteten im Home-Office sind weniger vermittelbar, zumal die Leistung, trotz fehlender sozialer Nähe zum Auftraggeber, einfach vorausgesetzt wird. Als soziale Wesen sind wir nur dann bereit uns mit unserer Aufgabe und unseren Arbeitgeber zu identifizieren, wenn wir nicht als eine Software oder technische Komponente betrachtet werden, die zu liefern hat.

Fazit

Digitales Commitment im Home-Office ist kein Selbstläufer. Wer Mitarbeiter möchte, die auch Zuhause für ihre Arbeit "brennen" und sich mit dem Unternehmen auch aus der Ferne gerne identifizieren, sollte dafür die Grundlagen legen. Ein gutes Betriebssystem kennzeichnet im wesentlichen drei Eigenschaften: Es ist stabil,  sicher und effizient! Mit den oben besprochenen Rahmen ist das möglich. So kann auch Deutschland, trotz  Corona-Pandemie (oder gerade deswegen) endlich „digital erwachsen“ werden.

 

Reinhard Völker

www.netzfalter.eu

 

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